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Predigtgedanken zum Erntedankfest

Ernte & Dank!

Jesus fragt: „Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun?“ Kein Wort des Dankes?

Die Meisten von uns leben trotz Energie- und Klimakrise nach wie vor in einer Zeit des Wohlstandes und des Überflusses, vieles ist scheinbar noch immer selbstverständlich.

Anstatt in der Klima- Energie- Sozial- und sich bereits abzeichneten Wirtschaftskrise näher zusammen zu rücken, um gemeinsam an den großen Herausforderungen zu arbeiten, driften wir auseinander. Wir suchen Schuldige anstatt Lösungen, statt zu einen wird gespalten.
Die Politik fordert uns auf zu nehmen, was uns angeblich zusteht.
Was steht uns zu?

Von John F. Kennedy stammt der Satz: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“

Ich wage einen Blick zurück in meine Kindheit:

Bereits mit 6 Jahren durfte ich mich als Ministrant nützlich machen. Mein Schulweg aus Zöbing betrug ca. 4 km, natürlich zu Fuß. Im Winter hatten wir noch bis zu minus 20 Grad und bis zu einem ¾ Meter Schnee. Die Heilige Messe begann um 6 Uhr, Abmarsch zu Hause um 5 Uhr. Einzig das Mondlicht erhellte die Nacht. Bei Neuschnee hat mein Vater von Hand mit einem hölzernen Schneepflug die ersten 1,5 km bis zum Fleischacker, einen Pfad gezogen. Dort traf ich Karl Gölles, er kam durch den Wald vom Zöbingberg herunter und gemeinsam stapften wir zur Kirche, wo es saukalt war.

Nach der in Latein gehaltenen Messe, wir verstanden kein Wort, ging es ab in das Pfarrhaus zu Kakao und Kuchen, dann hinauf in die Schule.
Ich hatte Glück, unsere Lehrerin, so glaube ich, war sehr fromm.
Nach jeder Beantwortung ihrer Fragen, sagte sie: „Oh Gott, oh Gott!“ Nach der Schule dauerte der Nachhauseweg doppelt so lange, nutzten wir doch die Gelegenheit unsere überschüssige Energie loszuwerden. Es kam schon vor, dass tags darauf der Lois und ich, übersät mit blauen Flecken zur Frau Direktor mussten und sie den Lois fragte: „Lois, stimmt es, dass du einen Streit vom Zaun gebrochen hast?“- „Den Streit nicht, aber eine Latte!“ Die Lederhose war für uns das Ganzjahreskleidungsstück. Im Sommer waren wir barfuß unterwegs, im Winter gab es, die um drei Nummern zu großen Lederschuhe meines älteren Bruders, ohne Innenfutter. Der Hohlraum wurde mit Zeitungspapier als Wärmedämmung ausgefüllt. Trotzdem waren die Zehen blau und fast gefroren.

Im Winter gab es Speckbrot, so lange, bis im Frühjahr der Speck gelb wurde und sich zu bewegen begann. Die Maden waren eingezogen. Danach gab es Grammelbrot mit Zwiebel und dann dasselbe wieder von vorne.

Ich war zufrieden, glücklich und dankbar

Ich lebe in einer Zeit und in einem Land, wo (noch) an jedem Tag die Regale der Geschäfte mit Lebensmittel voll sind. Lebensmittel-knappheit und Hunger kenne ich nur von den Erzählungen meiner verstorbenen Eltern.

Jeder von uns kauft pro Jahr im Durchschnitt 60 kg Lebensmittel, um sie dann in den Müll zu werfen, obwohl sie noch gut genießbar gewesen wären. Böse Zungen behaupten:

Mit dem Geld, welches wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um unseren Nachbarn zu ärgern oder zu imponieren, welchen wir nicht mögen!

Und? Wir sind unzufrieden, unglücklich und undankbar

Leider gibt es auch bei uns immer mehr Menschen, denen es nicht so gut geht, wie den Meisten von uns.

Vom Lebens- Mittel zum Energieverbrauch

Und wieder wage ich einen Blick zurück in die Kindheit. In meiner Stube stand ein kleiner Ofen. Wenn es richtig kalt war, legte Mami einige Scheiter hinein und entzündete ihn. Die Zeit, bis mich das Sandmännchen in den Schlaf entführte, genoss ich. Ich hörte das Nachrutschen der Glut. Sie warf durch die Sprünge des Ofens gespenstische, flackernde Formationen an die Wände und an die Decke. War Väterchen Frost besonders grantig, zeichneten Eiskristalle auf den Fensterscheiben wunderbare Bilder und die Tuchent war am Morgen durch die Atemluft leicht gefroren.

Alles kein Problem, hatte meine Mami doch für mich gesorgt. Am Abend kam ein richtig großer Stein (Mur-Nockerl) in das Backrohr oder auf die Herdplatte. Der so erhitzte Stein wurde, damit ich mir nicht die Zehen verbrannte, mit einem Handtuch umwickelt und unter die Tuchent zu meinen Füßen gelegt. Wurde der Stein kalt, erwachte ich, schob ihn mit den Füßen auf die Seite, um gleich wieder weiter zu schlafen.

Die Matratze war ein zusammengenähter Leinensack, gefüllt mit den Lieschen vom Heuten der Maiskolben, dies passierte im Spätherbst. In meiner Stube wurden die Maiskolben, der Kukuruz, aufgeschüttet, ein eigener Geruch von Acker, Maisstroh und Herbst entfaltete sich. Das war eine Aufregung, wenn die Nachbarn zum „Woaz heitn“ kamen und bei Most und Brot mithalfen die Maiskolben von den äußeren Lieschen zu befreien, die Kolben mit den verbleibenden Lieschen zu einem Zopf zu binden, um sie anschließend über die steile Holzstiege auf das Hausdach zu bringen. Dort wurden die gebundenen Maiskolben zum Trocknen aufgehängt. Im Laufe des Jahres wurde der Mais in kleinen Mengen mit der Hand gerebelt um für die Fütterung unserer Tiere, oder zum Mahlen für Gries, daraus machte Mami einen wunderbaren Sterz, wieder vom Dachboden geholt.

Der verbleibende Kolben war für die „schnelle Hitz“, für die Energiezentrale, den Herd in der Küche. Dort spielte sich das Leben ab. Von Mitte des Gewölbes hing eine Glühbirne, sie brachte ein wenig Licht in den Raum. Ein Röhrenradio, im Vorraum und im Schlafzimmer der Eltern eine Glühbirne, das waren unsere Energieverbraucher.

Immer wenn am Zöbingberg der Schwab Emmerich seine Melkmaschine einschaltete, fing das Licht zum Flackern an oder verschwand zum Ärger meiner Eltern komplett. Manchmal saß Dadi, bekleidet mit Pullover und Rock am Fenster und las die Zeitung, aber nur solange es das Tageslicht durch die Fensterscheibe ermöglichte. Der Energieverbrauch lag im Vergleich zu heute bei 1/100.

Ich war glücklich, zufrieden und dankbar.

Es gab kein Badezimmer, nur einen kleinen Holzbottich, später eine emaillierte Stahlschüssel, die Lavour. Vor dem Weg ins Bett kam die „Körperpflege“. Mit einem Waschlappen wurde von Mami der Hals und das Gesicht abgeruppelt, das mochte ich überhaupt nicht. Danach kamen die Hände und eventuell die Füße dran.

Am Samstag war Großwaschtag. Das Wasser wurde nacheinander genutzt. Zuerst das Gesicht und der Hals, dann der Rücken, die Hände und die Füße, zuletzt war der Hintern an der Reihe. Das nun sehr „nährstoffreiche“ Wasser wurde zum Gießen der Blumen verwendet.

Damit mich niemand falsch versteht, auch ich genieße unser schönes Bad, die Errungenschaften der Weiterentwicklung. Ich überlege nur, was ist notwendig, um wirklich glücklich und dankbar zu sein?

Ich hatte als Kind nie das Gefühl, mir würde Wesentliches fehlen.

Zurück in die Zukunft

Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: „Hey, wie geht´s?“ Antwortet der andere: „Ach, nicht so gut. Ich glaub, ich hab Menschen…“ „Oh, das ist schlimm“, sagt der Erste. „Das hatte ich auch schon. Aber weißt du was? Das geht vorüber.“

Für uns ist das allerdings keine tröstliche Aussicht. Es bedeutet ja: früher oder später erledigen wir uns von selbst. Die Zeichen dafür sind unübersehbar und weisen darauf hin, dass der Traum vom zivilisierten Leben ins Gegenteil umschlagen kann. Der Traum vom guten Leben droht zum Albtraum zu werden. Nicht nur als Christen sollten wir erkennen, ein erfülltes Leben funktioniert nur im Einklang mit der Schöpfung.

Als unsere Oma noch lebte, war sie fast täglich im Garten. Der damalige Pfarrer marschierte öfter vorbei und war erstaunt über das Blumenparadies und herrliche Gemüse. „Na, Frau Neubauer, du und der liebe Gott, ihr sorgt für einen wunderbaren Garten“. Nachdem Herr Pfarrer das bei jedem Vorbeispazieren ins Treffen führte, wurde es Oma zu bunt und sie antwortete: „Na Herr Pfarrer, sie hätten den Garten sehen sollen, als ihn der liebe Gott noch allein beackerte!“

Beide hatten recht. Sobald wir erkennen, dass wir ein Teil der Schöpfung sind, übersehen wir nicht mehr, dass ohne die Natur, die uns freigiebig beschenkt, alles Wissen und alle Arbeit des Menschen umsonst wären. Wir meinen dann nicht mehr, dass wir die Herren der Natur sind und sie beliebig ausbeuten können. Wir sind dann keine Herren, sondern Empfangende.

Und noch etwas Entscheidendes ändert sich: als dankbar Empfangende werden wir zu Menschen, die weitergeben und teilen. Wie könnte ich das, was ich aus Freigiebigkeit eines anderen empfangen habe, für mich alleine behalten wollen?

Zehn wurden geheilt, nur einer ist umgekehrt, um Danke zu sagen! Ich durfte in meinem Leben und darf täglich vielfältig ernten, der liebe Gott hat es mir frei gestellt dafür auch zu Danken. Damit ich mir dessen immer bewusst bleibe, dafür bitte und bete ich - AMEN.

Erwin Stubenschrott
09.10.2022