link

Pilgergottesdienst

„Ich kann dir vergeben, aber nicht vergessen“

Bevor ich beginne, ein „sachdienlicher“ Hinweis, Mein Schwager ist ein Priester, meine theologische Ausbildung bzw. Kenntnisse beschränken sich im Wesentlichen auf meine Neugierde und Lebenserfahrung. Betrachten Sie die folgenden Überlegungen also gerne kritisch.

In einem Vorgespräch mit Fery Berger zur Vorbereitung meiner Gedanken zum heutigen Pilgergottesdienst stellte ich an ihn die Frage, wie ich das mit den Pilgern bzw. dem Pilgergottesdienst verstehen kann. Fery umschrieb das Wort pilgern mit „auf der Reise sein“. Das passt für mich sehr gut, ich bin so ein durchaus sehr kritisch denkender Reisender, ein Zweifelnder auf der Suche nach dem großen Sinn des Lebens, auf der Suche nach dem Warum, auf der Suche nach dem endgültigen Ziel.

Im heute gehörten Evangelium antwortet Jesus auf die Frage von Petrus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?“

Jesus sagte zu ihm: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“

Eine unmenschliche Aufgabe, nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal soll ich vergeben?

Die Antwort Jesu ist klar: Vergebung soll vollkommen sein, ohne Maß. Schon das sieben-malige Verzeihen wäre großmütig, geht über, zumindest mein Vermögen hinaus, siebenundsiebzig Mal ist maßlos, für mich im Sinne von nicht messend. Und diese nicht gemessene, nicht berechnende Vergebung meint Jesus, wenn er von Vergebung spricht.

Oft hören wir: „Ich kann dir vergeben, aber nicht vergessen“ – dann bleibt ein Vorbehalt in der Vergebung, es entsteht dadurch ein Gefälle, dass mir der Andere doch noch etwas schuldig bleibt. Und ich es ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase reiben kann, dass er auf meine großzügige Vergebung angewiesen bleibt. Eine solche halbherzige Vergebung kann zum lebenslangen Druckmittel werden, dass ich gegen Andere einsetze.

Das Gleichnis, das Jesus zur Erläuterung heranzieht, macht deutlich, dass Gott uns bereits großzügig vergeben hat, wir aber oft zu kleinlich sind, dieses Geschenk der Vergebung anzunehmen und weiterzugeben.

Verzeihen zu können ist eine Gnade und bringt Segen. Für alle, weil „alles mit allem verbunden ist, weil ich dir, nicht weh tun kann, ohne mir weh zu tun.“ Derjenige der ehrlich, ohne Erwartung einer Gegenleistung verzeiht, wird reich beschenkt.

Verzeihen, vergeben bedeutet, wieder frei zu sein für das Hier und Jetzt. Solange ich in der Vergangenheit verharre und ich mich damit beschäftige was ich oder eine andere Person getan oder nicht getan hat, halten mich die Klauen des Negativen, des Destruktiven fest.

Ohne Vergebung können wir Menschen nicht loslassen.

Was sagt Jesus über Vergebung noch?

Er wies sie an, folgendermaßen zu beten: „Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben“ (Matthäus 6:12), und „erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist“ (Lukas 11:4).

Die Bibelstellen und Gleichnisse machen darauf aufmerksam – alles, was ich aussende, kehrt zu mir zurück. So wie ich urteile, wird über mich geurteilt werden. Bei Matheus können wir auch lesen: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? “

Vielleicht können wir dieses zerstörerische Muster – „Auge um Auge und die Welt wird blind“, unterbrechen.

Die aktuellen Ereignisse auf dieser Welt schreien förmlich danach. Urteilen und Richten wäre in vielen Fällen bei Gott in besseren Händen.

Das Evangelium zeigt auch, dass wir Menschen sind – der König ist im Grunde weise und großzügig – als er jedoch sieht, dass der Diener sein Beispiel nicht verinnerlicht hat und stattdessen kleinlich, hart und selbstgerecht ist gegenüber seinem Mitbruder, obwohl er gerade Vergebung erfahren hat – richtet der König ihn doch mit aller Härte. Wie wird sich der König nach der „Vergebung“ gefühlt haben? Und wie nach dem Aussprechen der Strafe?“ Wie hätte er anders handeln können? Seine Enttäuschung ist verständlich. Der Diener hat die Lehre, die ihm geschenkt wurde, nicht verstanden, er hat sie nicht weitergegeben.

Wie oft sind wir in der Rolle des Dieners? Der König ist dadurch auch ins Muster „Auge um Auge“ gestürzt, wie menschlich.

Wie hätten wir, wie hätte ich gehandelt? Hinter dem Recht und Unrecht liegt die Gnade – und die kommt aus der Seelenwelt – aus dem Herzen. Nicht vom Kopf. Verwenden wir die Gaben und Werkzeuge, welche uns von Gott geschenkt wurden in der richtigen Reihenfolge, zuerst das Herz, erst dann der Kopf.

Verzeihen ist ein Akt der Gnade für den Anderen und eine Befreiung für mich selbst – weil ich dadurch wachsen kann.

Verzeihen, Vergeben ist ein Zeichen für Vertrauen und für einen Neuanfang. Und den brauchen wir alle, täglich!

Wenn wir ständig eine Rechnung bei uns tragen und Alles auf ewig schwarz auf weiß festhalten, Fehler nicht täglich vergeben, können wir keine gute Partnerschaft, keine liebevolle Beziehung führen. Vollumfängliches, ehrliches Verzeihen bedingt das Löschen der offenen Rechnung.

Ich denke an ein Erlebnis meiner Frau aus ihrer Kindheit, welches sie immer wieder erzählt. Im Alter von ca. 7 Jahren gab es in unserer Pfarre noch einen Kaplan, Friedrich Tieber war sein Name. Er hatte ein kleines „Puch“-Auto, die 2 Türen öffneten nach vorne. Der Kaplan verbrachte viel Zeit mit uns Kinder, organisierte Ministranten Ausflüge und Vieles mehr. Wir liebten ihn. Bei jeder Gelegenheit durften wir mit seinem kleinen Auto mitfahren. Eines Tages holte er von einem bekannten Imker aus dem Gebiet um Weiz wieder mal einen Kilo Waldhonig. Er liebte diesen Honig über Alles. Auf dem Rücksitz 3 Kinder, eines davon war meine Frau. „Passt mir gut auf, auf den Honig“ bat der Kaplan die Kinder vor der Heimfahrt. Beim Aussteigen zu Hause war das Malheur perfekt, die Kinder hatten nicht aufgepasst, der Honig war umgefallen und hatte sich im Auto auf dem Boden gleichmäßig verteilt. Zu dieser Zeit gab es noch keinen Schraubverschluss. Meiner Frau viel sprichwörtlich das Herz in die Hose, sie hatte große Schuldgefühle und erwartete ein Donnerwetter. Als der Kaplan seinen geliebten Honig, verteilt auf dem Boden seines kleinen Autos sah, wiegte er den Kopf hin und her und meinte mit ruhiger Stimme: „Macht nichts, das kann man herauswischen, müssma halt nächste Woche wieder Einen holen“.

Dieses großherzige Verzeihen ohne Androhen einer Strafe, ohne offene Rechnung, hat sich bei meiner Frau tief eingeprägt.

Vergebung ist ein Segen. Ich spreche gut über dich. Ich mache einen Punkt und fange neu an. Ich vertraue dir wieder, trotz deines Fehltrittes. Und das bedeutet wohl auch – ich vertraue in Gottes Güte.

Die Erinnerungen an meine Kindheit in Bezug auf die Kirche sind durchwachsen. Das mir vermittelte Gottesbild war geprägt von Schuld, Sühne und Strafe. Gott sieht Alles, er zählt alle meine Sünden. Wenn du dich nicht änderst, erwartet dich als Strafe die Hölle. Diese Drohungen wurden durch die Bilder im Religionsbuch dramatisch untermalen. Nackte Menschen sitzen im Feuer, ich konnte den unermesslichen Schmerz und die Qual dieser Menschen fühlen. Nicht Vergebung, Schuld und Angst wurden in den Mittelpunkt gerückt.

Menschen wie unser Kaplan haben dieses Bild für uns Kinder wieder positiv zurechtgerückt. Dafür sind wir ihm noch heute dankbar. Es wurde eine wunderbare Freundschaft, Fritz Tieber hat uns später auch getraut. Leider ist er vor 3 Jahren verstorben.

Vertrauen: Auch dazu eine Geschichte. Vor dem großen Pfarrhaus stand ein prächtiger Kirschbaum mit wunderbaren Früchten. Nach der hl. Messe konnten die Ministranten der Versuchung natürlich nicht widerstehen und aßen von den süßen Kirschen. Das schien dem Pfarrer nicht besonders zu gefallen. Eines Tages, als die Minis wieder zulangten, sahen sie einen Zettel am Ast hängen. Darauf konnten sie lesen: „Gott sieht Alles“. Nach dem ersten Schrecken verfassten auch sie eine Botschaft und hängten sie zum Zettel des Herrn Pfarrers. Darauf stand: „Gott sieht Alles, aber er verrät uns nicht!“

Strafe, Beschämung, Schuld und Abwertung drücken uns nieder.

Vergebung richtet uns auf – deshalb ist sie göttlich und bringt uns wieder in unsere Größe zurück- und, sie schenkt Hoffnung. Ehrliche Vergebung ohne Erwartung an eine Gegenleistung befreit. Wie sagte Mahatma Ghandi: „Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken“

In der Überlieferung hat Jesus niemals Menschen beschämt – „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ dh. Jesus hat den Fehler als uns zugehörig akzeptiert – Jesus hat Frauen, Männer und Kinder zu sich gerufen – Jesus war bei jenen, die seiner am meisten bedurften – vielleicht auch jenen, die ehrlich mit sich waren und bereit, bei sich zu beginnen.

Und: „Was du dem geringsten meiner Brüder und Schwestern getan hast, hast du mir getan“ – Gott will uns nicht unterdrücken, beschämen und strafen, - Gott möchte, dass wir in ihm Vertrauen schenken und das Leben in Fülle haben.

Was ist mein Beitrag für ein Leben in Fülle? Dazu eine Geschichte: „Der Samenverkäufer!“

Ein junger Mann betrat einen Laden. Hinter der Theke stand ein älterer Mann. Was verkaufen sie, mein Herr?“ fragte der Junge. „Alles, was Sie wollen!“ antwortet der Alte. „Na, wenn dem so ist, dann hätte ich gern Weltfrieden, die Beseitigung der Armut, das Ende der Rassentrennung, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau…“ Da fiel ihm der Alte freundlich ins Wort: „Entschuldigen Sie, junger Mann, ich habe mich wohl falsch ausgedrückt: Wir verkaufen Ihnen keine Früchte, wir sind eine Samenhandlung!“

Wir haben die Chance so ein Samen zu sein, Samen der Vergebung, Samen des ehrlichen Verzeihens, Samen des Vertrauens, ohne Schuldschein.

Im Evangelium antwortet Jesus auf die Frage von Petrus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?“

Jesus sagte zu ihm: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ Damit ich mir dessen immer bewusst bleibe, dafür bitte und bete ich - AMEN.

Erwin Stubenschrott
Basilika Weizberg, 17.09.2023