Predigt - Gedanken zum Vatertag
8 erwachsene Kinder & 14 Enkelkinder
Wie werde ich Vater? Wie läuft die Vorbereitung auf eine der wichtigsten Aufgaben im Leben, die kleinen Geschöpfe Gottes, die Krönung der Liebe zwischen zwei Menschen, beim Erwachsen werden zu unterstützen.
Wie wurde ich auf diese Aufgabe vorbereitet?
Für Alles gibt es Schulungen, Ausbildungen…
„Erwachsen werden wäre sehr einfach, wenn nur nicht die Eltern so schwierig wären“.
Zeit des Pubertierens, ich war überfordert mit dieser Situation richtig umzugehen.
Christian ist unser Ältester, inzwischen 42 Jahre, 4-facher Vater von ganz lieben Mädels. Weil er als Schüler öfter den Bus versäumte, brachte ich ihn manchmal zum Bahnhof damit er rechtzeitig in die HTL in Weiz kam... die Luft war fast immer zum Schneiden.
Christian ging in die Schule und kam ganz normal nach Hause, sogar die Jause hatte er gegessen.
Ausnahmsweise musste ich zum Elternsprechtag, normalerweise erledigte das meine Frau, HTL ist für Männer…
Abteilungsvorstand Donner empfing mich mit den Worten:
„Herr Stubenschrott, in ihrer Familie muss es ja wild zugehen…!“ Ich war paff.
„Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt. Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!“
Was hat das Lied mit mir und dem Vatertag zu tun?
39 Schultage im ersten Halbjahr war Christian nicht in der Schule, nicht in der HTL. Für jeden einzelnen Tag zeigte mir der Klassenvorstand Donner eine von „mir“ unterschriebene Entschuldigung. Ich sah diese zum ersten Mal.
Ich werde den durchbohrenden Blick von Herrn Donner nicht vergessen. Nach einer Zeit des Schreckens meinte ich, “Na ja, dass es so viele Tage waren, überrascht mich jetzt auch“ und fuhr nach Hause.
Natürlich folgte ein „Gespräch“ mit Christian, ihr könnt euch vorstellen, ich war nicht so ruhig wie die Eltern im Lied von Reinhard Mey.
Aus Christian wurde, trotz meiner damaligen Unfähigkeit seine Hilferufe zu hören, ein toller Mensch, ein guter Partner, ein guter Vater und er ist erfolgreich im Beruf. Später habe ich mich bei ihm entschuldigt, wir können wieder gut miteinander.
Als Vater und natürlich auch als Mutter braucht man Geduld, Vertrauen und viel Zeit. Manchmal dauert es 20 Jahre und länger bis man weiß, ob aus dem Samen eine gute Frucht wird.
„Die beste Erziehung nützt nichts, die Kinder machen dir doch alles nach…“
Was ist meine Rolle, meine Aufgabe als Vater?
Der kleine Franzi fragt seine Mami:
"Mami, ist es wahr, dass der Storch die Babys bringt und der liebe Gott uns das Brot schenkt?"
Mami: "Ja, Franzi!"
Franzi: "Mami, wozu brauchen wir dann eigentlich noch den Vati?"
Ich meine, der Vater hat noch viel mehr Aufgaben und ist wie auch die Mutter nicht ersetzbar. Zum Beispiel bringt er die Kinder am Abend ins Bett und liest am Bett Märchen vor, damit der Sohn einschläft. Eine halbe Stunde später öffnet die Mutter leise die Tür und fragt:
"Ist er endlich eingeschlafen?"
Antwortet der Sohn: "Ja, endlich."
Die Rolle des Vaters auszufüllen ist eine wunderbare Herausforderung, aber auch ein Kraftakt, der täglich aufs Neue geübt werden will.
Vater sein wirft immer wieder Fragen auf,
wer und wie bin ich als Vater für mein Kind?
Welche Werte vermittle ich?
Lasse ich mein Kind Anteil nehmen an meinem Leben?
Was weiß mein Kind von mir?
Was will ich an mein Kind weitergeben?
Wie würde mein Kind mich beschreiben?
Nehme ich mir Zeit für die kleinen Augenblicke?
Jedes Kind ist einmalig, einzigartig. Es kommt mit besonderen Gaben zur Welt.
Das Kind hat noch nicht gelernt, eine Maske aufzusetzen.
Es ist, wie es ist. Wir bemühen uns durch „Erziehung“ dem Kind das Urvertrauen weg zu erziehen, zu oft schaffen wir es auch. „Pass auf, die Menschen sind böse, sind nur auf den eigenen Vorteil bedacht, vertraue Niemanden“, solche Aussagen kennen wir Alle.
Wir wollen sicher das Beste für unsere Kinder und meinen genau zu wissen, welchen Weg mein Kind gehen soll. Obwohl wir uns als Kind fest vornahmen, es anders als die Eltern zu machen!
Johann Wolfgang von Goethe:
„Behandle die Menschen / Kinder so,
als wären sie, was sie sein sollten,
und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein könnten.“
In meiner 14- jährigen Zeit in der Männerstrafvollzugsanstalt Karlau, bei der Arbeit mit Menschen, welche schwere Verbrechen wie Raub, Mord, Sexualverbrechen, Rauschgifthandel begangen haben durfte ich lernen- jeder Mensch hat Stärken, hat positive Eigenschaften. Und noch eines durfte ich erfahren, 90% dieser Menschen hatten eine „missratene“ Kindheit. Geborgenheit und Vertrauen waren für diese Menschen Fremdwörter.
„Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt. Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!“
Als Opa habe ich eine andere Rolle oder Aufgabe, ich bin da, aber im Hintergrund.
Ich bin ruhiger, darf gütiger sein, kann viel an Lebenserfahrung anbieten und mit etwas Glück vielleicht auch etwas Weisheit.
Ich darf auch Fehler machen, darf unvollkommen und
jeden Tag dankbar sein, für so wunderbare Enkelkinder.
Als Opa erhalte ich eine neue Chance am Leben teilzunehmen.
Opa zu sein ist ein Geschenk, manchmal auch mit etwas Risiko behaftet.
Ein Opa geht mit seinem Enkel in der freien Natur spazieren, und
sagt:
„Nun sieh dir doch nur diese schöne Natur an, die grünen Bäume und die
saftigen Wiesen." Er knickt einen Grashalm ab und kaut auf ihn rum.
Fragt der Enkel: "Opa bekommen wir jetzt ein neues Auto?"
"Wie kommst du denn jetzt auf die Idee"
"Na, weil Papa gesagt hat, wenn Opa ins Gras beißt, bekommen wir ein
neues Auto"
Ich freue mich auf Morgen früh, wenn unser Enkel Paul kommt, mich mit strahlenden Augen ansieht, Opa sagt, umarmt und ein Bussi auf den Mund drückt.
Opa zu sein ist eine Chance das Leben neu zu begreifen.
Erwin Stubenschrott
Juni 2021