Predigtgedanken zum Erntedankfest
Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?
Im ersten Moment kommt vielleicht Unverständnis auf, zehn wurden vom
Aussatz geheilt, neun nehmen sich nicht die Zeit dafür DANKE zu sagen.
Kommt uns diese Situation bekannt vor? Der nächste Termin, eine
dringende Aufgabe, eine wichtige Arbeit wartet. Hasten auch wir weiter
ohne zu Danken?
Erntedankfeste gab es schon in vorchristlicher Zeit in verschiedenen Regionen der Welt.
Der Brauch des Dankes für eine gute Ernte wird vielfach als
„Dank für die Frucht der Erde und der menschlichen
Arbeit“ auf dem von Erntedank-Gaben umgebenen Altar gefeiert.
Mit dem Erntedankfest soll in Dankbarkeit an den Ertrag in Landwirtschaft und Gärten erinnert werden – und auch daran, dass es nicht allein in der Hand des Menschen liegt, über ausreichend Nahrung zu verfügen
ERNTE und DANKBARKEIT
Ernte Dank feiern wir in der Herbstzeit. Um ernten zu können müssen wir den Boden aufbereiten, säen, düngen und pflegen. Gerade die Landwirtschaft ist einer der am schwerwiegendsten Betroffenen in der gesamten globalen Veränderung, nicht nur im Bereich des Klimas, sondern auch des Werteverlustes, der Werteverschiebung
Und so stehen wir wie alljährlich wieder hier und danken,
denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, schreibt der Apostel.
Wirklich alles? Für die meisten Menschen ist nicht mehr bewusst, dass
alles, was sie für das Leben brauchen, von der Fruchtbarkeit der Erde
herrührt.
Wir kaufen Milch im Plastikpackerl oder als Bestandteil süßer Riegel,
die Gesundheit vorgaukeln und Kinderzähne verderben.
Lila Kühe auf saftigen Almweiden werben für eine Schokolademarke.
Ich lebe in einer Zeit und in einem Land, wo an jedem Tag die Regale der Geschäfte mit Lebensmitteln voll sind. Eine reiche Ernte scheint da wie selbstverständlich. Lebensmittelknappheit und Hunger kenne ich nur von den Erzählungen meiner verstorbenen Eltern.
Ist wirklich alles gut? Bauern können wohl rechnen, wenn sie den
Verkaufspreis von Brot in Beziehung setzen zum Preis, den sie für ihren
Weizen erhalten.
Sie kennen die Konkurrenten des Weltmarktes und die schwierige
Bürokratie, sie erleben, wie wir Verbraucher Druck ausüben in unserem
Bestreben,
alles möglichst billig zu bekommen.
In meiner Kindheit, Anfang der 60er Jahre, lag die Milchleistung einer Kuh bei ca. 10 Liter am Tag, heute gibt es Hochleistungskühe, die täglich über 40 Liter Milch geben, als Folge davon müssen unsere Bauern ihre Höfe aufgeben!
Wir sprechen von Milch See und Kontingentierung, der Milchpreis sank
von
43 auf 29 Cent. Stellen wir uns vor der Chef sagt uns, ab Morgen
bekommst du für ein-und dieselbe Leistung um 33% weniger Lohn!
Was machen wir? Wir greifen ins Regal, zum Sonderangebot - und haben
dabei kein schlechtes Gewissen.
Wir kaufen in unserer Firma, nachdem noch keine Orangen bei uns wachsen,
soweit möglich ausschließlich Fruchtsäfte von den Bauern aus der
Region.
So wollte ich auch auf Bio Milch für den Kaffeeautomat umstellen. Prompt
kam der Einwand einer Kollegin: „Lieber Erwin, so eine Bio Milch könnte
ich mir privat nicht leisten“! Auf meine Frage, wie viel Milch denn in
ihrer Familie verbraucht würde, antwortete die Kollegin: „Na ja, so
einen Liter/Woche“.
Ich wusste dass sie raucht und fragte nach der Menge der Zigaretten.
„So ca. 30 Stück am Tag“. Um es einfach zu machen stellte ich ein
Rechenexempel an. Abgerundet auf 1 Schachtel/ Tag ergibt das ca.30
Schachteln je Monat x ca. € 3,5 je Schachtel ergibt das ca. €
100,-/Monat-
1 Liter Milch/Woche ergibt ca. 4 Liter/Monat x einer Preisdifferenz zur
konventionellen Mich von ca. 25 Cent, ergibt einen Mehrpreis von ca.
1 Euro/Monat.
Von wegen „ich kann mir das nicht leisten“, es geht um die Wertigkeit,
um unsere persönliche Lebenseinstellung
„Die Menschen von heute kennen von allem den Preis und von Nichts mehr den Wert!" (Mahatma Gandhi)
Ich stelle mir oft die Frage: Warum gönnt Gott gerade uns diesen Überschuss, in anderen Teilen der Welt müssen Menschen verhungern?
Ist das wirklich alles gut? Es kommen mir die Zweifel, was ist das für ein Gott, der solche Ungerechtigkeiten zulässt?
Liegt es wirklich an Gott, oder liegt es an mir? Gott hat mir die Freiheit, die Chance gegeben selbst zu entscheiden: Zu Säen, zu Ernten, zu Danken und zu Teilen!
Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt! (Mahatma Ghandy)
Ich bin, wir sind Gottes verlängerte Werkbank!
Trotz all dem Überfluss leben wir in Europa mit Angst und Unsicherheit, mit klimatischen Bedrohungen, mit Stürmen und Fluten, mit Dürre und Hitze. Auf anderen Teilen der Erde müssen Menschen unter schwierigsten Umständen um ihr tägliches Brot kämpfen. Die Lebensbedingungen dieser Erde sind nicht überall gut. Auch wir tragen durch unseren Lebensstil dazu bei.
Darum lasst uns heute nicht nur danken für die Früchte der Erde und die Erfolge. Auch die Erkenntnis von Werden und Vergehen, von Verändern und Neuanfang gehören dazu. Wir sollen bedenken, dass unsere Zeit begrenzt ist, gerade die Zeit, die uns geschenkt wurde die Welt zum Besseren zu verändern.
"Unser tägliches Brot gib uns heute", das beten wir,
und unser Tisch ist gedeckt. Wir können dir danken, Gott.
"Unser tägliches Brot gib uns heute", das beten viele Menschen auf der ganzen Welt, aber bei vielen ist der Tisch nicht gedeckt. Sie tun sich schwer zu danken.
"Unser tägliches Brot gib uns heute", das beten wir nicht nur für uns.
Hilf uns, Gott, dass wir dein tägliches Brot verteilen helfen, wo es
nötig ist,
damit alle dir danken können.
„Die Welt hat genug für Jedermanns Bedürfnisse, sie hat jedoch nicht
genug für Jedermanns Gier“.
Geiz und Gier, auch Wurzelsünden genannt, sind die Gegenspieler von
Teilen und Danken.
Der Moloch Wirtschaft versucht uns penetrant einzureden, dass die Welt
eine Torte ist und das Leben ein Wettkampf um die dicksten Stücke,
für Mitleid haben wir ja die Caritas!
Geiz ist ganz und gar nicht geil, auch wenn uns eine Elektronikhandelskette jahrelang davon überzeugen wollte. –Auch Niki Lauda behauptet in der Werbung: „Ich habe nichts zu verschenken!“
Ja, es gibt sie, die Schwierigkeiten, Hemmnisse und Fehlentwicklungen,
trotzdem behaupte ich, wir leben in einem wunderbaren Land.
Ich frage mich oft, warum gehöre gerade ich zu den auserwählten Menschen
hier geboren zu sein, in eine Zeit mit über 70 Jahren in Frieden, warum
darf ich hier leben, in einer wunderbaren Familie, in einer lebenswerten
Gemeinde und mit einer Aufgabe betraut, welche mir täglich Freude
bereitet.
Heute danken wir für alles, was wir zum Leben brauchen. Essen, Trinken, Brot und Früchte. Und besonders für all das, was unsere Seele zum Leben nötig hat: Frieden, geliebt werden und lieben, fühlen und mitfühlen.
Wenn wir hinter der Natur Gott den Schöpfer erkennen und seine Gaben mit Dank empfangen, wird sich einiges ändern, auch wenn unbestritten ein Großteil der Ernte von menschlichen Wissen und der Technik abhängt. Wir übersehen dann nicht mehr, dass ohne die Natur, die uns freigiebig beschenkt, alles Wissen und alle Arbeit des Menschen umsonst wären. Wir meinen dann nicht mehr, dass wir die Herren der Natur sind und sie beliebig ausbeuten können. Wir sind dann keine Herren, sondern Empfangende. Und noch etwas Entscheidendes ändert sich: als dankbar Empfangende werden wir zu Menschen, die weitergeben und teilen. Wie könnte ich das, was ich aus Freigiebigkeit eines anderen empfangen habe, für mich alleine behalten wollen?
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke sehe ich, dass ich viel vom dem was
ich mein Eigentum nennen darf, der Unterstützung anderer Menschen,
meinen Eltern, Freunden, meiner Familie und besonderen Umständen,
letztendlich Gott zu verdanken habe.
Ich lebe davon, dass andere mit mir teilten und Gott mich begleitet.
Der für die Vögel des Himmels und die Blumen auf dem Feld alles bereit stellt, wieviel mehr wird er für euch, seine geliebten Kinder sorgen? (Matthäus)
Versuchen wir zumindest einen Teil unserer Sorgen an Gott zu übergeben. Ich weiß, das ist so einfach gesagt, aber einen Versuch ist es allemal wert.
Die heutige Dankesfeier ist eine gute Gelegenheit über unsere
Eigenverantwortung nachzudenken.
Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt! (Mahatma Ghandy)
und - vergessen wir nicht, inne zu halten und DANKE zu sagen.
Ich durfte in meinem Leben und darf täglich vielfältig ernten, der liebe Gott hat es mir frei gestellt dafür auch zu Danken. Damit ich mir dessen immer bewusst bleibe, dafür bitte und bete ich- AMEN.
Erwin Stubenschrott
Oktober 2016